Ekstase der Vernunft

In J.W. v. Goethe und F. Schiller Urväter von Rudolf Steiners philosophischen Überlegungen zu sehen, lässt sich gut begründen. Dass deren Überzeugungen auch in Steiners gesellschaftskritischen Gedanken zu finden sein werden, liegt daher nahe. Weniger bekannt ist, dass diese tief in den politischen Idealen der Romantik verwurzelt sind, und zwar gleichermaßen denen deutschen, französischen und britischen Ursprungs. Die Spuren der Ideen Edmund Burkes, William Wordsworths oder John Ruskins finden sich allerorten, zum Beispiel in seiner Kapitalismuskritik und der entfremdenden Wirkung einer absoluten Rationalität.

Die Kernfrage, welche Steiner mit der politischen Romantik verbindet, ist: Kann politisches Handeln nur auf Rationalität gebaut sein? Welche Rolle darf die Empfindung in unserer Willensbildung spielen?

Ihr Denken verbindet übrigens auch, was beide nicht sind: sie sind nicht so irrational, wie oft geglaubt. Der Ratio als Fetisch hielten beide eine „Ekstase der Vernunft“ entgegen, ein Übersichhinauswachsen des Verstandes über seine Grenzen kraft seiner Vertiefung durch die Empfindung. Gerade weil wir wissen, dass diese Elementarfrage der Romantik am Anfang des 21. Jahrhunderts keinesfalls zufriedenstellend beantwortet ist, fällt es nicht schwer zu erkennen, aus welchen Quellen Rudolf Steiners soziales Denken noch heute Impulse beziehen könnte. Es ist der Versuch, politische Romantik mit politischer Vernunft qua einer modernen Form gesellschaftlicher Spiritualität zu verbinden.


Diese Kolumne über Gesellschaft erscheint monatlich als Teil des Newsletters der Sektion für Sozialwissenschaften, den ich als Redakteur verantworte. Der Newsletter zu den gesellschaftskritischen Ideen Rudolf Steiners kann hier gelesen und abonniert werden.

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