Ich, ein anderer

Dass wir uns Avatare – Abbilder von uns, die uns öffentlich repräsentieren – erzeugen, ist entgegen landläufiger Meinung kein neues Phänomen. Dass wir nicht ungeteilt existieren, ist tatsächlich ein alter Hut. Der Begriff entstammt dem Sanskrit, schon Descartes hatte ein virtuelles Ich vom eigentlichen getrennt und Kant den Unterschied zwischen Abbildung und „Ding an sich“ später zementiert. Seit Menschen schreiben und malen können, erschaffen sie sich in Wort und Bild reale Alter Egos, und verleihen ihnen Selbständigkeit.

Neu ist die Möglichkeit fast gänzlicher Ablösung vom Ich: moderne Avatare können ein Eigenleben führen, wie es bisher nicht möglich schien. Die Filmkunst der vergangenen Jahre hat die Möglichkeiten zum Beispiel der Robotertechnik ausführlich durchgespielt. Die Vision eines Post-Humanismus wird längst diskutiert.

Die psychologischen Effekte sind bekannt: Avatare, die sich vom Individuum lösen, verschaffenen diesem Freiheiten. Das ist im Zeitalter der Internet-Revolutionen nicht anders als zu der handschriftlich tätiger Literaten und ihrer „noms des plumes“. Abbilder erlauben uns, unsere Sehnsüchte auf von uns unabhängige Wesen zu projizieren, also Abstraktionen von unserer eigenen Persönlichkeit zu kreieren.

Bei Rudolf Steiner finden sich zahllose Überlegungen zum Nutzen und zur Gefahr solcher Abstraktionen, also der Beziehung eines selbständigen „Außen“ zu seinem individuellen „Innen“, zum Beispiel in seinen anti-sozialen und sozialen Trieben. Steiner weist häufig darauf hin, dass Außen und Innen, das Abstrakte und das Konkrete in einem lebendigen Wechselverhältnis zueinander stehen. Nicht die Abstraktion selbst stellt ein Problem dar, sondern die Frage ihrer Beziehung zur Individualität, dessen Teil sie ist – ein Verhältnis, das in der politischen Öffentlichkeit meist zugunsten einer Verteufelung oder Bewunderung der einen oder anderen Seite unbeachtet bleibt.


Diese Kolumne über Gesellschaft erscheint monatlich als Teil des Newsletters der Sektion für Sozialwissenschaften, den ich als Redakteur verantworte. Der Newsletter zu den gesellschaftskritischen Ideen Rudolf Steiners kann hier gelesen und abonniert werden.

Schreibe einen Kommentar